Erst autochton, dann fast ausgestorben: Junge Steinböcke werden in die Wildnis entlassen. Die Wild-WG wird größer. Bild: Horst Ender

„Wild-WG“ hat sich vergrößert

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Seit 1991 gibt es den Hochgebirgs-Naturpark Zillertaler Alpen. Zum 25-Jahr-Jubiläum macht er sich selbst ein besonderes Geschenk: Je fünf junge Steinböcke werden 2016 und 2017 ausgewildert. Am 6. Juli werden die ersten bei der Berliner Hütte in die Wildnis entlassen.

Die Kletterkünste der Alpensteinböcke (Capra ibex) lassen vermutlich sogar Jorg Verhoeven oder Anna Stöhr verstummen. Werden diese beiden Stars der internationalen Kletterszene und ihre Gegnerschaft im Extremfall „nur“ von Fans bei Bewerben in aller Welt auf Schritt und Tritt verfolgt, so stand das Steinwild durch extreme Bejagung schon in der Mitte des 17. Jahrhunderts vor dem endgültigen Aus. Grund dafür war die angebliche Heilwirkung von Haaren, Blut, Hoden und sogar Exkrementen.

Die Wild-WG wird größer, bei der Berliner Hütte wird ausgewildert. Foto: mayrhofen.at

Die Wild-WG wird größer, bei der Berliner Hütte wird ausgewildert. Foto: mayrhofen.at

Einem Förster und einem Naturkundler verdanken wir den Erhalt des „Königs der Alpen“. Die beiden konnten die Behörden von der Schutzbedürftigkeit dieses edlen Tiers im Gran Paradiso überzeugen. Der italienische König Viktor Emanuel II. machte die Region zu einem seiner Jagdreviere, engagierte Steinbock-Wilderer als Aufpasser und stellte die Steinböcke unter Schutz. Ab 1911 erfolgte von dort aus die Wiederbesiedlung.

Lebensweise des Steinwilds in der „Wild-WG“

Der Lebensraum des Steinbocks ist zwischen Wald- und Eisgrenze auf rund 3.500 m Seehöhe. Sie gelten als sehr soziale Wildtiere, denn sie sind meist im Rudel unterwegs. Im gesamten Alpenraum leben rund 45.000 Böcke, Geißen und Kitze, davon etwas mehr als 4.400 in Österreich. Sie erreichen rund 150 cm Kopfrumpflänge und etwa 90 cm Schulterhöhe. Ein ausgewachsener Bock wird zwischen 90 und 100 kg schwer. Ab Oktober wird mit Rangordnungskämpfen jener Bock für die (im Dezember beginnende) Brunftzeit bestimmt, dessen DNA weitergegeben wird. Bei der Geburt der (höchstens zwei) Kitze im Mai und bei der Futtersuche kommt der Geiß ihr Gewicht mit durchschnittlich 40 kg sehr entgegen. Junge Steinböcke können zwar vom ersten Tag an laufen, werden von der Mutter aber ein ganzes Jahr lang gesäugt. Ebenso wie bei den Gämsen gibt es auch bei den Steinböcken die sogenannte Kinderstube: In dieser kümmern sich die Geißen nicht nur dem eigenen Nachwuchs, sondern ziehen das junge Steinwild zusammen mit anderen Geißen auf.

Das Gehörn eines ausgewachsenen Steinbocks kann bis zu 1 m lang werden. Die Jahrlinge bei der Auswilderung in die Wild-WG sind noch hornlos. Bild: Tiroler Schutzgebiete.

Das Gehörn kann bis zu 100 cm lang werden. Die Jahrlinge für die Wild-WG sind noch hornlos. Bild: Tiroler Schutzgebiete.

Steinböcke im Zillertal

Im Zillertal galt der Steinbock lange Zeit sogar als autochthone Art, d. h. er hat sich hier fortgepflanzt und ist nicht durch menschliche Hilfe – etwa im Zuge von Arealerweiterungen – eingewandert. Da er aber immer seltener gesichtet wurde, kaufte Franz Fankhauser vulgo „Kern Frånz“ aus Madseit 1968 eine kleine Steinbock-Kolonie, um sie im Tuxertal einzusetzen (laut Tux-Buch, Edition Tirol 2013). Die „Räude“ (eine anzeigepflichtige Tierseuche) hat das Steinwild in den letzten Jahren allerdings wieder stark dezimiert. Auf Initiative der damaligen Tauernkraftwerke gab es nach dem Bau der letzten Zillerkraftwerke übrigens schon 1987 eine Auswilderung. Diese erfolgte damals bei der Maxhütte in der Gunggl.

Willkommen in der „Wild-WG“

Der Innsbrucker Alpenzoo hat die Tiere in Kooperation mit dem Tiergarten Nürnberg ausgewählt, die tierärztliche Kotrolle übernommen und den Transport der Jahrlinge und der zweijährigen Steinböcke organisiert. Experten beider Zoos werden die Auswilderung überwachen, denn „ein Leben im Tiergarten lässt sich nicht mit dem Überleben in freier Wildbahn vergleichen. Dabei geht es nicht nur um die tägliche Nahrungsaufnahme. Existieren die Tiere im Zoo in eigenen Gehegen fernab anderer Arten, so stoßen sie hier auf ihre Mitbewohner. Bei der Auswahl ihrer Koppulationspartnerin sind die Böcke auch nicht wählerisch und beglücken schon mal herkömmliche Ziegen. Daher bauen wir am 6. Juli 2016 stark auf die Mithilfe von interessierten Zuschauern. Eine Menschenmauer soll die jungen Steinböcke von der Flucht nach unten abhalten und nach oben rennen lassen“, freuen sich Seifert und das Team des Naturparks über möglichst viele Schaulustige.

Auswilderung 2017 bei der Greizer Hütte

„Sehen wir von einem Besuch im Alpenzoo ab, so ist die Möglichkeit einer Begegnung mit Steinböcken von Angesicht zu Angesicht wohl eher selten und ein spezieller Höhepunkt“, erklärt Willi Seifert, „obwohl man ihnen im Hochgebirge doch relativ nahe kommen kann“. Der gebürtige Bayreuther ist Geschäftsführer des Naturparks und schon eine beträchtliche Zeit mit diesem nicht alltäglichen Projekt beschäftigt. Viele Tier- und unzählige Pflanzenarten machen den Naturpark zu einer Art Wohngemeinschaft. Und diese „Wild-WG“ wir nun nicht nur um das Steinwild erweitert, sondern „um rund 45 km2 vergrößert“, so der diplomierte Geograf weiter.

Unterstützung bekam der Naturpark des Jahres 2015 übrigens aus Mitteln des Talschaftsvertrages, von Zillertal-Bier, den Mayrhofner Bergbahnen und den Hintertuxer Gletscherbahnen sowie von den Naturparkschulen Brandberg und Tux. Weitere fünf Steinböcke werden 2017 dann im Bereich der Greizer Hütte wieder angesiedelt.

Titelbild: (c) Horst Ender